Angst, Schmerz, Hunger: Ukrainische Kriegsgefangene und die Frage der Gerechtigkeit
Angst. Schmerz. Hunger.
Am 3. März 2026 haben wir an der Podiumsdiskussion „Ukrainer in russischer Kriegsgefangenschaft – Wie lassen sich Recht und Gerechtigkeit wiederherstellen?” in Düsseldorf teilgenommen.
Yulii Pylypei: Zweieinhalb Jahre in russischer Gefangenschaft
Yulii Pylypei verteidigte 2022 Mariupol und geriet dort in russische Kriegsgefangenschaft. Er verbrachte zweieinhalb Jahre in Haft, wurde durch sechs Gefängnisse verlegt und schließlich im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen. Was er beschreibt, sind keine einzelnen Übergriffe, sondern ein System, das Gefangene brechen soll.
Angst, Schmerz, Hunger – ein System zur Unterdrückung
Es basiert auf drei Säulen: Angst. Schmerz. Hunger.
Gefangene sollen ständig Angst haben – vor Geräuschen, vor Strafen, sogar vor ihren eigenen Gedanken. Gewalt gehört zum Alltag, Hunger wird bewusst als Kontrollinstrument eingesetzt. Dazu kommt ein vollständiges Informationsvakuum.
Pylypei war unter anderem in Mordwinien inhaftiert – einer Region des ehemaligen Gulag-Systems. Seine Erfahrung zeigt: Die Logik dieses Systems existiert bis heute.
Völkerrecht und Verantwortung
Der ukrainische Regisseur und Oscar-Preisträger Mstyslav Chernov ordnete diese Erfahrungen ein. Die Gewalt in russischer Gefangenschaft sei kein Ausnahmefall, sondern Teil einer perfiden Strategie, das darauf abzielt, die Idee von Gerechtigkeit zu zerstören.
Aus juristischer Perspektive ist die Lage klar
betonte Prof. Dr. DDr. h. c. Angelika Nussberger M.A., Direktorin der Akademie für Europäischen Menschenrechtsschutz. Der russische Angriff auf die Ukraine und der Umgang mit Kriegsgefangenen seien klare Verstöße gegen das Völkerrecht. Entscheidend sei nun, die Verantwortlichen tatsächlich zur Rechenschaft zu ziehen.
Daher formulierte Pylypei seine Erwartungen ganz rational: er hoffe zumindest auf teilweise Gerechtigkeit, auch wenn er akzeptiere, dass es in der Welt keine vollständige Gerechtigkeit gebe.
Heilung ist möglich – Europa kann von der Ukraine lernen
Auch über die langfristigen Folgen wurde gesprochen. Oberstarzt Dr. Gerd Willmund, klinischer Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotraumatologie am Bundeswehrkrankenhaus Berlin, betonte:
Kriegstraumata verschwinden nicht von selbst, aber sie können therapeutisch aufgearbeitet werden
Dabei könne Europa auch von der Ukraine lernen. Seit 2014 habe sich dort eine enge Zusammenarbeit zwischen Psychotherapie, zivilen Strukturen und dem Militär entwickelt.
Der Krieg stoppt nicht an den EU-Grenzen
Zum Abschluss formulierte Mstyslav Chernov einen Gedanken, der weit über diese Veranstaltung hinausgeht:
Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass der Krieg nicht an den Grenzen der EU stehen bleiben wird. Erst wenn wir von dieser Realität ausgehen, können wir alles dafür tun, dass er sich nicht weiter ausbreitet.
Und dazu gehört vor allem eines: die Ukraine zu stärken.
*Die Veranstaltung wurde vom Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien des Landes Nordrhein-Westfalen und Chef der Staatskanzlei organisiert. Vielen Dank für die Einladung zu dieser wichtigen Diskussion.