UN/ZERBRECHLICH - Theater als Begegnung mit dem Unsichtbaren
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen Ukraine kommen verwundete ukrainische Soldaten im Rahmen des MedEvac-Programms zur medizinischen Behandlung nach Deutschland. Viele von ihnen landen in Kliniken in Nordrhein-Westfalen – ohne Sprachkenntnisse, ohne soziales Netz, oft ohne klare Perspektive auf das, was nach der Behandlung kommt.
In der öffentlichen Wahrnehmung existieren sie kaum. Der Krieg wird diskutiert – in Parlamenten, Talkshows, Zeitungskommentaren. Die Menschen, die ihn am eigenen Körper tragen, bleiben unsichtbar. Nicht weil niemand Interesse hätte. Sondern weil es kaum Orte gibt, an denen echte Begegnung möglich ist. Genau dort setzt Kulturarbeit an.
Theater kann etwas, was Berichte nicht können. Es schafft keinen Abstand, sondern Nähe. Es ersetzt keine Fakten, aber es macht Erfahrungen begreifbar, die sich in Zahlen nicht fassen lassen. Wenn ein Veteran auf der Bühne steht und seine Geschichte erzählt – durch Sprache, durch Gesang, durch Humor – verändert sich etwas im Zuschauerraum. Aus einer abstrakten Kategorie wird ein Mensch mit Namen, mit Witz, mit Wunden, mit Würde.
Die Produktion «UN/ZERBRECHLICH», entstanden in Zusammenarbeit des Sommerblut Kulturfestivals Köln und des Förderkreises der ukrainischen Veteranen NRW e.V. unter Regie von André Erlen und mit musikalischer Begleitung von Deutsch-ukrainischem Chor Rai (musikalische Leitung Mariana Sadovska), ist genau dieser Versuch. Ukrainische Veteranen, die derzeit in Deutschland behandelt werden, standen selbst auf der Bühne. Sie haben dieses Projekt mitgestaltet – nicht als Objekte einer gut gemeinten Inszenierung, sondern als Mitautoren ihrer eigenen Geschichte.
Für uns als Organisation ist das keine Ausnahme, sondern eine Konsequenz. Wir begleiten diese Menschen seit Jahren bei Klinikterminen, Behördengängen und im Alltag. Wir wissen, wie viel hinter den Kulissen unsichtbar bleibt. Und wir wissen, dass medizinische Rehabilitation allein nicht ausreicht – dass Menschen, die aus dem Krieg kommen, auch gehört werden müssen. Von der Gesellschaft, in der sie gerade leben.
«UN/ZERBRECHLICH» war ein Angebot an das Kölner Publikum: hinzuschauen, zuzuhören und zu verstehen, wer diese Menschen wirklich sind.
«UN/ZERBRECHLICH» war ein Anfang. Die Premiere im Mai 2026 war nicht der Schlusspunkt eines einmaligen Projekts, sondern der Auftakt zu einer Zusammenarbeit, die weitergeht. Eine Fortsetzung ist bereits beschlossen. Das zeigt, was Kulturarbeit leisten kann, wenn sie nicht auf einen einzelnen Abend beschränkt bleibt: einen Raum für Begegnung zu schaffen, der nicht nur einmal entsteht, sondern Bestand hat.
Dieses Projekt wurde durch Engagement Global, aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

